Aus dem Wintergedicht

Doch sieh des Wissens Armut auch:
Um etwas Unsagbares auszusagen,
nehmen wir doch das Gleichnis aus den Reichen,
die eben dieses Unsagbare kaum enthalten:

Die Sprache nähert höchstens an,
vielschichtig, doppeldeutig ist das Wort:

Im Laut Gefühl
im Namen Bild,
im Tische Ding
und im Begriffe endlicher Verstand.

Was aber ruht dahinter?

Vergiß die zauberhafte Schmiegsamkeit,
all dieses Blühen, das in
Rose,
Amsel,
Abend
ist.

Wirf keinem deine Wörter
Erinnerungen zu, die es verfärben.
Mit jeden Namen schon,
den wir den Dingen geben,
nehmen wir ihnen einen Teil der Wirklichkeit.
Und jeder Name, jedes Wort
ist unauslotbar.

Aber zu guten Stunde
wird in der Sprache es Entsprechung
des Gemeinten,
das sich aussagt:

nicht in des Wortes dunkler Herkunft
hellt sich das Wissen auf,
aber in seinem Umkreis:
im Flirren,
das noch ob jeden Wortes Umschein schwingt,
wird wahrnehmbar,
was dieses überwache Wissen weiß.

In ihm
steht über Brunnen, Flüssen und Gestirnen
dem Dichter der Versuch
des ganzen Inhalts angesichtig an
und ist
entsprechend
ein redlich lautloses Nicht-mehr-Sprechen.

So lautlos ist der Winter,
die weiße Zeit.
Behutsam
sei dir das Gleichnis milde,
das aus dem unsichtbaren Bilde
doch Zuflucht zu dir nahm.
Und birg das Angesicht.
Verschweige das Gedicht.
Der Engel kam.
Und auch das ferne Gefilde.

(Jean Gebser – Geschrieben am Nachmittag des 14. November 1944)

Autor: Arkis

210 * 418 Kunst ist die Idee eines Prozesses dessen, was war ist und sein wird.

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