H. P. Lovecraft und der Kognitive Dissonanz-Faktor

 

Der folgende Ansatz bezieht sich im wesentlichen auf Leon Festingers kognitive Dissonanztheorie.

Er versucht die Dissonanztheorie auf das Gebiet des phantastischen, insbesondere aber auf jenes der phantastischen „Grusel-Literatur“ anzuwenden. Der Autor behauptet, dass diese Theorie einen idealen Rahmen liefert, um Gründe für die beunruhigende emotionale Wirkung zu erläutern, die bestimmten Werken der phantastischen Literatur, insbesondere den Geschichten und Romanen Howard Phillips Lovecrafts, (1890-1937) zukommt. Die kognitive Dissonanztheorie vermag eine begriffliche Reinterpretation der primären Charakteristika des Phantastischen, der Schilderungen um übernatürlichen Horror und einem kosmischen Veräußertsein zu leisten.

„Das kann doch nicht wahr sein“
Oder, was würde Leon Festinger sagen wenn er im Regen stehend nicht nass würde?

Der Terminus „Kognitive Dissonanz“ verweist auf ein unangenehmes, schmerzliches, disharmonisches Gefühl, resultierend aus  psychologischen Unvereinbarkeiten, d. h. aus einem Zusammenprall oder Konflikt zwischen zwei Ideen oder zwischen Überzeugungen und Verhaltensweisen. Wenn zwei Ideen nicht zusammenstimmen oder sich gegenseitig widersprechen, sagt man von ihnen, dass sie sich im Zustand der Dissonanz befinden. Das gleiche gilt, wenn unser Verhalten nicht mit unseren Überzeugungen konsistent ist oder wenn Ereignisse unseren Erwartungen unerwartet zuwiderlaufen. Tritt Dissonanz einmal auf, muss sie reduziert werden und sei es durch einen Wandel der  Ansichten, Überzeugungen, Vorstellungen oder Verhaltensweisen; anders gesagt, Dissonanz ist ein motivierender Zustand und die mit ihr verbundene Spannung kann durch eine Rückkehr zu einem Zustand kognitiver Konsonanz oder psychischer Harmonie gelöst werden.

Leon Festinger formuliert das in seinem  Aufsatz in Scientific American so: Um die kognitive Dissonanz als einen motivierenden Zustand zu begreifen, muss man einen (klaren) Begriff von den Bedingungen haben, die sie hervorrufen. Die einfachste Definition von Dissonanz lässt sich vielleicht im Hinblick auf die Erwartungen einer Person geben. Wir alle haben im Verlauf unseres Lebens eine große Anzahl von Erwartungen darüber angehäuft, welche Dinge zusammenpassen und welche nicht. Wird eine solch Erwartung nicht erfüllt, tritt Dissonanz auf. Jemand, der ungeschützt im Regen steht, erwartet z. B., dass er nass wird. Stünde er im Regen und würde nicht nass, trete zwischen diesen beiden Informationen eine Dissonanz auf.[1]

Festinger führt weiter aus, dass in einem solchen Fall jedermanns Erwartungen ähnlich seien; mit anderen Worten, wir alle würden erwarten, nass zu werden, wenn wir ohne einen Regenschirm oder einen anderen Schutz im Regen stünden. Natürlich gilt diese Regel der Erwartungsuniformität nicht allgemein; es gibt viele Fälle, wo die Erwartungen verschiedener Personen voneinander abweichen; die eine wird z. B. dort mit ihrem Versagen rechnen, wo eine andere zuversichtlich auf ihren Erfolg baut, obwohl beide vor derselben Aufgabe stehen. Nichtsdestoweniger ist der Fall, in dem die Erwartungen relativ einheitlich laufen, für die vorliegende Diskussion relevant.

H. P. Lovecraft und wie eine Gruselgeschichte zu einer „echten Gruselgeschichte wird:

„Es gab in den Ruinen gewisse Proportionen und Dimensionen, die mir nicht behagten.“

„Ich muß endlich völlig übergeschnappt sein, denn ich plapperte eins ums andere Mal das unverständliche Lied des verrückten Arabers Alhazred, der von der Stadt ohne Namen ahnte: Das ist nicht tot, was ewig liegt, bis das die Zeit den Tod besiegt.“
(Stadt ohne Namen – H. P. Lovecraft)

Die Gattung phantastische Literatur, die von H. P. Lovecraft, anderen Autoren und Künstlern des Genres mit „weird fiction“ etikettiert wurde, hängt in ihrer Wirkung von der Darstellung einer Übertretung von Naturgesetzen ab, und gerade hinsichtlich der Naturgesetze neigen unsere Erwartungen, uniform zu sein.

H. P. Lovecrafts ästhetische Theorie (Supernatural Horror in Literature) betont: „die echte Gruselgeschichte“ muss, mit einer Ernsthaftigkeit und Ungeheuerlichkeit, die dem Thema angemessen ist, jene entsetzlichste Vorstellung des menschlichen Gehirns andeuten, nämlich eine unheilvolle und sonderbare Aufhebung oder Annullierung jener festen Naturgesetze, die unser einziger Schutz gegen die Angriffe des Chaos und der Dämonen aus dem unergründlichen All sind.[2]

Dissonanztheoretisch gesagt: Der wesentliche Bestandteil eines solchen Kunstwerkes besteht für Lovecraft in der Durchkreuzung einheitlicher Seh- oder Leseerwartungen. Genauer, hinsichtlich der akzeptierten oder vermuteten Ordnung und Gesetzmäßigkeit des Kosmos – „all des Friedens und Gleichgewichts, die sich der ´normale` Geist durch seine gewohnte Vorstellung von der äußeren Natur und der Naturgesetze angeeignet hat.“  Ein solches Dissonanz-Element muss, soll es wirkungsvoll sein, innerhalb eines Rahmens extremer Wahrscheinlichkeit präsentiert werden, und geschieht dies, wird die Dissonanz  häufig von einem Affekt des Schreckens, der Furcht oder von beidem begleitet.

Schauen wir uns diese beiden Charakteristika genauer an. Extreme Wahrscheinlichkeit ist deshalb so wesentlich, weil Dissonanz schwerlich dort auftreten kann, wo nicht zuerst „eine bereitwillige Aufhebung des Zweifels im Leser (im ´Gläubigen`) oder Betrachter erzeugt wurde. Diese Aufhebung des Zweifels wird nur dann erfolgen, wenn man beim zelebrieren und knüpfen der Geschichte wie bei der Konstruktion  eines sorgfältig angelegten Schwindels verfährt. „Man darf nicht vergessen, dass jede Übertretung dessen, was wir Naturgesetz nennen, an sich eine viel größere Ungeheuerlichkeit ist als jedes andere Ereignis oder Gefühl, das einem menschlichen Wesen möglicherweise begegnen kann….“[3]

Die Übertretung der Naturgesetze oder besser die Durchkreuzung der damit verbundenen Erwartung würde fraglos in einen Zustand „seelenzerrüttender“ Dissonanz führen.

Aber lassen wir doch den Meister in einem Beispiel selber sprechen; – einen seiner Helden aus der Erzählung „Der Tempel“:

„Es wird gut sein, wenn der Leser nichts von dem, was folgt, als objektive Wahrheit nimmt, denn seit die Ereignisse die Grenzen der Naturgesetze überschreiten, sind sie notgedrungen die subjektiven und unwirklichen Erzeugnisse meines überreizten Geistes….“ ..,,“Was ich sah war weder großartig noch grotesk oder erschreckend, dennoch kostete es mich den letzten Rest des Vertrauens in meinen Bewusstseinszustand“.

Aber ein  solcher Zustand ließe sich nur dort erreichen, wo der Unglaube aufgehoben ist und das dissonante Ereignis nicht einfach als falsch oder lächerlich zurückgewiesen wird. Erscheint in einer „Grusel-Story“ alles natürlich und glaubhaft, wird der Leser geneigt sein, in dem unnatürlichen Element ein Abweichen von der erwarteten Realität zu sehen, das sich in einer realen Welt ereignet. Diese Art von Geschichte dürfte psychologisch beunruhigender sein als eine Geschichte oder ein Bild, die ausschließlich von unmöglichen und phantastischen Ereignissen handelt oder eine Kette von unwahrscheinlichen Begebenheiten als selbstverständlich hinnimmt, denn in den letzteren Fällen hat der Leser an die Erzählung oder Darstellung vermutlich weder auf die Realität bezogene Erwartung geknüpft, noch solche, die dadurch die Enthüllung der sich zuspitzenden Ereignisse erschüttert werden könnten.

Wenn nun ein phantastisches Kunstwerk durch das Hervorrufen kognitiver Dissonanz seine beunruhigende Wirkung auf den Betrachter oder Leser erzielt, indem sie ihn mit einer erwartungszerstörenden Vorstellung innerhalb eines sorgfältig konstruierten Rahmens aus erwartungserfüllenden Elementen konfrontiert, und wenn es sich mit der Dissonanz wie mit einem „Trieb“  verhält, der reduziert oder vermieden werden muss, was geschieht dann mit einem Leser bzw. Betrachter oder Beobachter, der einen solchen Zustand psychischer Inkonsistenz erfährt? Zuvor, wozu sollte sich wohl jemand mit solch einer dissonanz-induzierenden Kunst oder Literaturgattung aus freien Stücken befassen?

Die Antwort könnte ganz simpel sein. Der sich einem Zweifel ausliefernde Betrachter/Leser /Beobachter kann jederzeit den Ort einer Ausstellung verlassen, jederzeit das Buch zuklappen, auf den Knopf drücken u.s.w. und die Dissonanz reduzieren, in dem er sich sagt:  „Es war (ist) ja nur eine Geschichte, ein Bild, ein Film.“ Eigentlich weiß er von vornherein, dass es nur eine Geschichte ist, und fühlt sich deshalb sicher und unbedroht, wenn er sich ein Exempel solcher „Kunstzweige“ heraussucht.  Und trotzdem, bricht man den Bann nicht per se, indem man alles „zuklappt“ und sich selbst versichert. Die einmal hervorgerufene, erfahrene Dissonanz lässt sich nicht einfach verdrängen. Meisterstücke diese Genres a lá H. R. Giger, phantastischer Maler der „Nichtmoderne“,  einiger Surrealisten, Phantasten, Regisseure oder Literaten wie H. P. Lovecraft –  ein Teil der Spannung wirkt nach und ist dafür verantwortlich, dass uns die beunruhigende Geschichte frisch im Gedächtnis bleibt und dort eine „unvergessliche“ Qualität erwirbt. Das liegt zum Teil daran, dass das Wiedererinnern der Sache einen Grad der Dissonanz neuschafft und den Prozess fortsetzt.

Mit den Worten einer Figur aus dem Roman „Berge des Wahnsinns“:

„Es gibt gewisse Erfahrungen und Andeutungen, die zu einschneidend sind, um zu vernarben, und die einen nur mit einer so gesteigerten Sensitivität zurücklassen, dass die bloße Erinnerung schon den ganzen ursprünglichen Horror wiederentfacht.“

Meisterwerk…furchtauslösende Stimuli…Brotarbeit

Und doch gehört zur Wirkung eines solchen „Meisterstücks“ des Genres mehr als nur die glaubhafte Darstellung eines unglaubhaften Ereignisses, und zur langanhaltenden Wirkung eines solchen Werkes mehr als nur ein unreduzierter Dissonanzrest, der von einer erneuten, durch das Erinnern der Sache ausgelösten Dissonanz geschürt wird.

Der Nachwirkungseffekt scheint mit einer affektiven Komponente verbunden zu sein, die gewöhnlich mit Furcht oder Schrecken bezeichnet wird (eingeschlossen die Mischung aus beidem, die wir als „Terror“ kennen, sowie die Verschmelzung von Furcht mit Abscheu und Ekel, der wir die Bezeichnung „Horror“ geben). Diese emotionale Komponente scheint den durch solche erwartungszerstörende Kunst und Literatur ausgelösten Zustand der Dissonanz zu begleiten. Welcher Natur ist der Stimulus, der solche affektiven Reaktionen ausgelöst?

Das Unbekannte:

„Das älteste und stärkste Gefühl der Menschheit, ist die Furcht, und die älteste und stärkste  Furcht ist die Furcht vor dem Unbekannten.“ [4]

Das soll „alles“ sein? Woraus resultiert der entscheidende Impuls, der dieser Furcht, dem Grauen das Leben einhaucht? Jenen furchtauslösenden Stimulus, der das „Meisterwerk“ von einer wirkungslosen „Brotarbeit“ unterscheidet. Sicherlich steigert die Einbeziehung des Unbekannten die Glaubwürdigkeit bei der Beschreibung der Übertretung von Naturgesetzen – aber.. noch ein anderer Faktor könnte da eine wesentliche Rolle spielen.

Sigmund Freud konstatiert in seinem Aufsatz „Das Unheimliche“, dass die Eindringlichkeit einer solchen Geschichte nicht auf der Furcht vor dem Unbekannten beruht, sondern auf der Furcht vor dem Bekannten. Anders gesagt, vor dem, was einst bekannt war, dann ins Unbewusste verdrängt wurde, und uns jetzt wieder bewusst zu werden droht. „Unheimlich nennt man alles, was im Geheimnis, im Verborgenen…bleiben sollte und hervorgetreten ist“.

Lovecraft versus Freud

Ist das Schaurige, Gruselige, das Unheimliche wegen seiner unbekannten oder fremdartigen Eigenschaften beunruhigend, wie Lovecraft zu glauben schien, oder löst es deshalb Angst aus, weil es droht, dem Bewusstsein „nichts Neues oder Fremdes, sondern etwas dem Seelenleben von alters her Vertrautes, das ihm durch den Prozess der Verdrängung entfremdet worden ist, zurückzugeben (S.Freud)?

Die Antwort der kognitiven Dissonanztheorie:
Das Fremde, das Unheimliche, das Bizarre wirkt nicht deswegen nervenaufreibend, weil es etwas Bekanntes darstellt oder weil es unbekannt ist, sondern weil es in beiden Fällen einer Gruppe emotional-psychischer Erwartungen Gewalt antut.
In gewissem Sinn hatten beide recht. Die Rückkehr des Verdrängten ist angstauslösend, weil es den Überzeugungen und Vorstellungen einer Person hinsichtlich ihrer vergangenen Erfahrungen und Verhaltensweisen zuwiderläuft. Und die Konfrontation mit dem Unbekannten in Gestalt einer unbegreiflichen Verletzung der Naturgesetze löst Angst aus, weil dies die unzulässige und unerträgliche Zertrümmerung fundamentaler Erwartungen darstellt, die der phänomenologischen Vorstellung, die jemand von der „Realität“ hat, eine notwendige Dimension der Geborgenheit und Sicherheit verleihen. Wir sollten also sagen, dass das Gemeinsame der beiden Fälle nicht die Angst vor dem Bekannten oder die Angst vor dem Unbekannten ist, sondern eine durch Dissonanz induzierte Angst.

Da sowohl bekannte wie unbekannte Elemente zur totalen Dissonanz beitragen können, liegt die Vermutung nahe, dass eine Geschichte oder ein Kunstwerk dieses Genres, wenn sie beide Elemente beinhaltet, eine besonders beunruhigende emotionale Wirkung haben müsste.

Eine trübe Perspektive

Gibt es keine Schicht von empirischer persönlicher Erfahrung, um zwischen dem Ego und den ehrfurchteinflößenden Bildern des archetypischen „Raumes“ zu vermitteln, bleibt eine Art Loch in der Psyche zurück, durch welches die „mächtigen“ archetypischen Inhalte des kollektiven Unbewußten dringen. Ein solcher Zustand bedeutet eine echte Gefahr. Er droht mit der Überflutung des Ego durch die dynamischen Kräfte des Unbewußten, ruft Desorientiertheit und den Verlust des äußeren Realitätsbezugs hervor*. Vermag das Ego jedoch, diese Gefahr zu überwinden, wird das Loch in der Psyche zu einem Fenster, das Einsicht in die Tiefen des Seins gewährt. [5]

*In die Sprache der Dissonanztheorie übersetzt sagt das, dass es so schmerzliche, erschreckende und traumatische Grade der Dissonanz gibt, dass extreme und radikale Dissonanz-Reduktionsmechanismen eingreifen, sobald ein solcher Grad erreicht wird. Eine Schau, die sich zu den fundamentalen menschlichen Überzeugungen und Erwartungen als so dissonant erweist, dass der Mensch, der eine solche „seelenvernichtende“ kognitive Diskrepanz nicht ertragen kann, diese Realitätssicht entweder total ableugnet, verfälscht und zurückweist (damit auch Wissenschaft als das Methodeninstrument, das eventuell solch „grässlichen“ Aspekte eröffnet), und kopfüber in ein neues Zeitalter des Obskurantismus und sicherheitsversprechenden „Aberglaubens“ taucht oder schlicht und einfach das Opfer eines psychotischen Zusammenbruchs wird. Dies wäre wahrlich ein extremer Dissonanz- Reduktionsmechanismus und eine trübe Perspektive!

Future Shock:

In der Sprache unserer Theorie wird durch die Konfrontation des Menschen mit einer plötzlichen Veränderung – z. B. allzu raschen „Fortschritt“ oder umwälzend neuen Ansichten der Realität – seinen Annahmen und Erwartungen Gewalt angetan, und dies führt zu Graden kognitiver Dissonanz, die reduziert werden müssen. Befinden sich, wie Festinger schreibt, zwei Vorstellungen im Zustand der Dissonanz, wird es eine , oder beide, zur Veränderung drängen; kollidiert eine Information mit unseren Überzeugungen, können wir die Wichtigkeit der fraglichen Information minimalisieren, die Information entstellen, ihre Existenz leugnen, oder wir können unsere Überzeugungen ändern. Doch je größer und unerwarteter die Veränderung, desto größer und schmerzlicher die Dissonanz und desto dringender ihre Reduktion.

Überzeugungen sind zählebig, besonders solche, an die wir uns fest gebunden haben, vor allem, wenn die Bindung ohne ausreichende Rechtfertigung geschah. Oft erscheint es da einfacher, die dissonante Information zurückzuweisen, ihre Wichtigkeit
oder Gültigkeit lächerlich zu machen und herunterzuspielen, oder gar die Dissonanz zu reduzieren, indem wir uns des Beistandes anderer versichern, die auch unserer Meinung sind. Menge verleiht Sicherheit; je mehr mit uns übereinstimmen, desto weniger werden wir den anderen Weg der Dissonanzreduktion beschreiten, der da heißt: Aufgabe veralteter Überzeugungen und Annahme einer neuen Realitätssicht. Ist die bedrohte Überzeugung trivial oder unwichtig, kann sie natürlich recht bereitwillig aufgegeben werden, aber eine Idee, die in unserem Dasein eine zentrale oder kritische Rolle spielt – wie z. B. der Glaube an den Sinn unseres Lebens und das Vorhandensein eines Zweckes im Universum -, trifft dies wohl kaum zu (wiewohl unsere Annahme solcher Überzeugungen nur das Resultat von Geburtsumständen und sozialer Prägung sein mag). Genannte Überzeugungen sind für die meisten Menschen so lebenswichtig, dass jeder andere Weg der Dissonanz-Reduktion viel eher versucht wird – sogar der Irrsinn.

„Grauenhaft unnatürlich und riesig war die Geschichte – zu weit von menschlichen Vorstellungen entfernt, um geglaubt zu werden, außer in den stillen, verdammten frühen Morgenstunden, wenn man keinen Schlaf findet.“

Es hat irgendwie manchmal  den Anschein, dass Lovecraft mit seiner Voraussage von der Heraufkunft eines neuen „dunklen“ Zeitalters nicht zu pessimistisch war,  nimmt man als Anzeichen dafür die allgegenwärtigen und wahnwitzigen Schrullen und Obsessionen von sicherheitsgewährendem Aberglauben und dergleichen – das „wiedererwachte“ Interesse an „Wahrsage-Astrologie“, Okkultem, Religion, Hexerei, dem Paranormalen und die zahllosen allerorten aus dem Boden sprießenden Kulte – diese ganzen psychologischen Stützen und Krücken, die kognitive Konsonanz schaffen. Wir haben alle das traurige Schauspiel der Massen von „Gläubigen“ miterlebt, die sich verzweifelt an verschiedenartige erklärende Fiktionen und Doktrinen klammern und Myriaden sicherheitsfördernder Rituale praktizieren (von denen einige jenen absolut  nicht unähnlich sind, die in Lovecrafts ironischen Geschichten die Anhänger es Cthulhukults durchführen).  Aber es ist noch nicht zu spät, den Trend umzukehren, und es gibt Grund zur Hoffnung. Theorien wie die der kognitiven Dissonanz sind gewiss ermutigende Zeichen, denn sie versorgen uns mit konsequenten  Systemen zum Verständnis menschlichen Verhaltens und können als Sprungbretter für den Versuch dienen, das Handeln des Menschen zu modifizieren. Gleichgültig wie verstohlen, automatisch oder unbewusst die  Dissonanz-Reduktionsmechanismen auch operieren, das Wissen um ihr gestaltendes Einwirken auf unsere Entscheidungen, Wahrnehmungen und Verhaltensweisen kann unsere Chance, die Richtung solcher Veränderungen zu generieren, nur steigern.

Arkis

[1]Literatur: Leon Festinger „Cognitive Dissonance“, Scientific American, Oktober 1962
[2]Literatur: H. P. Lovecraft, Supernatural Horror in Literature. 1945
[3]Literatur: H. P. Lovecraft, Marginalia. 1944
[4]Literatur: H. P. Lovecraft, Supernatural Horror in Literature. 1945
[5]Literatur: Edward F. Edinger, Ego and Archetype. 1973

© Arkis letzt. updt. 14. 08. 2004

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Zeichnung-Illustration zu “Der achtarmige Gott”, im Visionarium Sonderheft 1

by Arkis 2014

5 Gedanken zu „H. P. Lovecraft und der Kognitive Dissonanz-Faktor

  1. Danke, schon eine Weile her, der Artikel, den ich damals für die „AHA“ schrieb und illustrierte. Und hochaktuell, führt er doch darüber hinaus in aktuelle, hochbrisante Kontexte der Politik, Wissenschaft, Umwelt und Wirtschaft … lieben Gruß

  2. Das ist ja interessant, weil ich ja gerade Lovecraft lese (und auch mit einem Blogger drüber spreche)! Das muss ich mir mal in Ruhe durchlesen!

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