11 Gedanken zu „Passage

  1. „Das auf dem Berg nicht, aber das Wandern auf der – auf der weißen Landstraße“, sagte ich, unsicher, ob er auch davon wisse.

    „Ja, ja, die weiße Landstraße!“ murmelte er sinnend, „die kann selten einer vertragen. Nur einer, der zum Wandern geboren ist. Weil ich das an dir bemerkte – damals im Findelhaus – hab‘ ich dich zu mir genommen. Die meisten Menschen fürchten sich vor der Landstraße mehr als vor dem Grab. Sie legen sich lieber wieder in den Sarg, denn sie meinen, das wäre der Tod und sie hätten dort Ruhe; in Wirklichkeit ist jener Sarg das Fleisch, das Leben. Daß einer auf Erden geboren wird, ist nichts anderes, als daß er lebendig begraben wird! Besser als das ist, man lernt auf der weißen Landstraße wandern. Nur darf man nicht an das Ende der Landstraße denken, sonst hält man es nicht aus, denn sie hat kein Ende. Sie ist unendlich. Die Sonne auf dem Berg ist ewig. Ewigkeit und Unendlichkeit ist zweierlei. Bloß für den, der in der Unendlichkeit die Ewigkeit sucht und nicht das ‚Ende‘, bloß für den ist Unendlichkeit und Ewigkeit dasselbe. Das Wandern auf der weißen Landstraße muß des Wanderns halber geschehen, aus Freude am Wandern, und nicht, um eine vergängliche Rast mit einer andern zu vertauschen.

    Ruhe – nicht ‚Rast‘ – ist nur in der Sonne auf dem Berge. Sie steht still und alles dreht sich um sie. Schon ihr Vorbote, das Morgenrot, strahlt Ewigkeit aus, darum beten es die Käfer und Fliegen an und bleiben starr in der Luft, bis die Sonne kommt. Deshalb bist du ja auch nicht müde geworden, als du auf den Berg stiegst.“

    „Hast du“, fragte er plötzlich und blickte mich scharf an, „hast du die Sonne gesehen?“

    „Nein, Vater, ich bin umgekehrt, bevor sie aufging.“

    Er nickte befriedigt. „Das ist gut. Sonst hätten wir nichts mehr miteinander zu schaffen gehabt“, setzte er leise hinzu.

    „Und dein Schatten ging dir voraus, dem Tale zu?“

    „Ja. Selbstverständlich –“

    Er überhörte meine erstaunte Antwort.

    „Wer die Sonne erblickt“, fuhr er fort, „der will nur noch die Ewigkeit. Er ist für das Wandern verloren. Das sind die Heiligen der Kirche. Wenn ein Heiliger hinübergeht, ist diese Welt und auch die andere für ihn verloren. Aber auch, was schlimmer ist: die Welt hat ihn verloren; sie ist verwaist! – Du weißt, wie’s tut, ein Findelkind zu sein, – bereite nicht auch andern das Schicksal, weder Vater noch Mutter zu haben! – Wandere! Zünde Laternen an, bis die Sonne von selber kommt.“

    „Ja!“ stammelte ich und dachte voll Grauen an die furchtbare weiße Landstraße.

    „Weißt du, was es bedeutet, daß du dich wieder in den Sarg gelegt hast?“

    „Nein, Vater.“

    „Es bedeutet, daß du eine Weile noch das Schicksal derer teilen sollst, die lebendig begraben sind

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