Die Kapelle der Passion

Nach einem langen und kalten Winter war es endlich wieder Frühling geworden als der kleine Junge in den Garten schritt. Der Garten begann direkt vor der Haustür und grenzte zu einem kleinen Hügel hin an. Der Vater war schon früh aus dem Haus seiner Arbeit nach gegangen, Mutter und der zwei Jahre jüngere Bruder schliefen noch fest. Es war noch früh am Morgen, Tau lag auf den Gräsern, und der fünf Jahre alte Junge, das war ich, man schrieb das Datum 1960. So stand ich also da, wie wohl noch etwas verträumt, und schaute den grünen Hügel hinauf. Wie ich so schaute begann vor meinem Blick ein seltsames Geschehen sich abzuspielen. Auf dem Hügel vor mir erhob sich plötzlich ein blutiges Haupt, reckte sich empor um sich mit einer dornigen Kopfbedeckung vor mich aufzubauen. Der Schreck fuhr mir recht gut in die Glieder, und gebannt von diesem schrecklichen Kopf erstarrte ich, das Antlitz schauend.

Niemals habe ich es je jemandem erzählt bisher. Auch heute noch kommt mir das Erlebnis ziemlich verrückt vor. Doch unweit des Hauses, in welchem wir damals wohnten, gab es ein kleine Kapelle. So ein Häuschen mit einer lebensgroßen Christusfigur, expressiv in der Darstellung, des blutig schmerzverzerrten Gesichtes. Wer ist denn das Mama? Das ist der Jesus, antwortete sie mir. Ich verstand es nicht, dass er so traurig und gequält, gebeugt und gekrümmt, mit diesem Kreuz, das er zu schleppen schien dastand, und fing schluchzend an zu weinen. Wenn du einmal groß bist …

Oftmals und immer mal wieder malte und male ich „diese Köpfe“. Lange verstand ich es nicht, bis es mir vor zirka 30 Jahren, wie Schuppen von den Augen fiel.

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Ei – Öl-Tempera-Mischtechnik auf Tischlerplatte by Arkis 2003

8 Gedanken zu „Die Kapelle der Passion

  1. Lieber Arkis, es berührt mich. Die Geschichte und Deine Bilder. Vielen Dank dafür. Übrigens habe ich aufgrund Deines anderen Beitrags Jean Gebser entdecken dürfen und lese gerade im Internet über ihn. Was er schreibt, ist mir nicht fremd aber ihn selbst kannte ich noch nicht. Sehr spannend !

  2. Liebe Monika, Betrachtung fühle ich, unter anderem, wie ein weiter Malen. Jean Gebser’s integrale Bewusstseinsphilosophie war wie eine Offenbarung für mich, intuitiv verstand ich es sofort, und hatte kaum Schwierigkeiten seiner Arbeitsweise und seinen Ausführungen zu folgen. Ja absolut fundiert, durch die Strukturen führend und spannend, auch biografisch. Grüße :)

    Zwei Audio-Links: der erste Beitrag ist in deutscher Sprache, der zweite auf englisch …
    https://www.evolve-magazin.de/radio/038-en-radio-webcast-2010_10_28-mit-professor-peter-gottwald-thema-jean-gebser-und-die-vision-eines-integralen-bewusstseins/
    https://www.evolve-magazin.de/radio/jean-gebser-an-integral-thinker-for-the-21-century/

  3. Wow, was für eine Erfahrung, danke fürs Mitteilen, Arkis!

    Mir ist als kleines Mädchen (ich war im Volksschulalter) ähnliches widerfahren, nur nicht mit Jesu,
    sondern mit Maria, seiner Mutter. Es war später Nachmittag, Winter, schon finster draußen und ich gerade alleine im sogenannten Kinderzimmer (wo wir 3 Geschwister auch schliefen). Da sah ich sie
    und geriet deswegen dermaßen in Panik, dass ich kreidebleich aus dem Zimmer lief. Meine Mutter fragte noch, was denn los sei, doch ich erzählte nichts. Es war nicht etwa die Furcht, dass ich so reagiert habe, es war deshalb, weil ich mir so „schmutzig“ , so „unrein“ Maria gegenüber vorkam.
    Ich schämte mich vor ihr und wollte mich dem einfach nicht aussetzen …

  4. Huh :) Als Kind in dem Alter, ist man da vermutlich nahe dran, an magisch-mythischen Bilderleben. Es gibt einen Unterschied, ich komme aus einer eher atheistischen Familie, da war nix mit Maria und Jesus. Es sind nach C. G. Jung Archetypen der Seele bezw. des kollektiven Unbewussten, und je nachdem, sind oder scheinen die Erscheinungs-Bilder irgendwie variabel zu sein. Gruß zur Nacht, liebe zartgewebt.

  5. Lieber Arkis, ein sehr interessantes Interview hast Du uns da empfohlen. Am Ende wird über die Verantwortung gesprochen. Als Träger für dieses neue Bewusstsein trägt man auch Verantwortung und sollte sich in den Dienst dieses neuen Bewusstseins stellen. Oder auch der Begriff: „Wahrgeben“.
    Das lasse ich mal wirken. Es beschäftigt mich. Sehr schön. Danke

  6. Wunderschönes Werk! Tolle Kunst!! ..und um Deine „mediale Begabung“ beneide ich Dich fast ein bißchen:-) Liebe Grüße Corinna

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