Nachtschatten

Die Wolken der Zugvögel rauschen über uns dahin. Das Obst ist reif, Äpfel und Birnen klopfen zu Boden, wenn der Wind weht — und in der gläsernen Klarheit der Tage riecht es nach Efeu und Lebensbaum, abends aber, wenn das Dunkel immer früher hereinbricht und die Kühle uns bald schon Ausschau halten lässt nach dem teefarbenen Licht des Fensters daheim, blinkt vom Osthimmel her das Siebengestirn zu uns hernieder. Nun kann es nicht mehr lange dauern, dann ist der uralt-babylonisch-chaldäische Vorhang des Winterhimmels über den Süden gespannt: Stier und Vorhund, das Dioskuren-Paar Kastor und Pollux, endlich Orion, der riesige Jäger mit dem diamanthell funkelnden Hundsstern Sirius zu Füßen. Wenn der neue Tag beginnt, kann es sein, daß er die ganze heimliche Süße des Nachsommers bringt, die wohlausgewogene Schönheit, in der kein Kampf und Krampf, kein Prunk und Rausch mehr ist, sondern nur noch ein holdes Daheimsein der Natur in der leisen Wehmut einer Harmonie, welche das Wissen um den Abschied verzaubert. Wundervoll passt diese unaufdringliche, nachgiebige und ausgeglichene September-Schönheit zur Wesensart des Tierkreiszeichens Waage, das um den 23. September von der Sonnenbahn erreicht wird, wenn die Tag- und Nachtgleiche den Herbstbeginn kennzeichnet. Als ob das Edelste des schwindenden Sommers noch einmal geerntet würde, als ob aus dem Kühlerwerden des Blutes zuvor noch die Schönheit des Lebens blass und sanft in den Tag hinein destilliert werden müsse, so bietet sich die vorherbstliche Jahresstunde dar, die leise Lyrik unter den zwölf Strophen, von der man oft glauben möchte, dass das Wort des Lao-Tse an ihr wahr werde:

Das Zarte wird das Starke besiegen,
dies ist die geheime Erleuchtung …

_himmelskoerper by Arkis

Sie alle waren stark, der Januar in der Sammlung, der Februar in der Eulenspiegel-Unrast, der März im Sturm, der April im Spiel, der Mai im Rausch der Liebe, der Juni im Verschwenden, der Juli im Gesättigt-Sein, der August im Verbinden von Himmel und Erde —: aber der September gleicht der Lebensrückschau eines zum Altern Entschlossenen, die alles Schöne leise und doch mächtig emporhebt ins Jetzt und Hier, nicht um zu prahlen, sondern um auf eine behutsam-innige Weise selig zu sein. Auch wo verfrühter Herbstwind die Bäume rüttelt und grünstachelige Kastanienkugeln auf den Boden trommeln, ist ein solches Leise sein nicht außer Kraft zu setzen: welch brauner Glanz, der die Kastanien adelt, welch Duft der Luft, die aus den Gefilden der Reinheit weht! Es sind immer nur wenige Tage, an denen der September das Geheimnis der leisen lyrischen Ernte spendet. Man muss mit liebevoll offenen Augen und behutsamen Sohlen unterwegs sein, wenn man daran teilhaben will Dann aber, wenn der Trunk aus dem unversieglichen Jungbrunnen bis in alle Adern gedrungen ist, bietet sich, oft in jähem Umschwung, eine ganz andere Schönheit dar. Klirrend kann sie sein, blank wie ein Helm, den die Dahlien zieren, die Frühherbst-Kokarden, und in dessen Glanz sich das Rütteln der Falken spiegelt oder der Möwenflug über dem Fluss. Da hat der September dann auf einmal die heisere Stimme des Hähers, ganz von selber wird der Tritt der leisen Sohlen harsch und schreitet aus zu den Grenzen hin, die das Jahr jetzt erreicht hat. Am Rande der Stadt breitet sich das Schuttfeld aus, auf dem die Hexenkräuter wuchern, die dem Herbst und seinen Eremiten Räusche sonderlicher Art versprechen: Nachtschatten und Bilsenkraut, Stechapfel und Teufelszwirn, Tollkirsche und Zaunrübe finden sich beisammen im Grenzrevier, um dem Grenzgänger und Grenzüberschreiter auf ihre Art von der Verwandtschaft alles Kreatürlichen zu berichten.

Ein Absud aus ihren Säften verwirrt die Menschenseele auf so kuriose Art, daß sie E. T. A. Hoffmanns Gesichte erlebt, im Fluge durch die künstlichen Paradiese Charles Baudelaires schweift und mit verdoppeltem Schwunge durch die infernalischen Ameisenhaufen des seltsamsten Geziefers, die uns Hieronymus Bosch und Pieter Brueghel gemalt und gezeichnet haben; das skurrile Spiel mit Brocken des Kosmos, das Paul Klee so souverän beherrschte, wird nicht minder zur zwanghaften Wirklichkeit im vergifteten Innern wie die gleich wirrem Wurzelwerk verfilzten und zerschrumpften Gespenster Alfred Kubins, des Schloßherrn zu Zwiddedt am Inn. Wenige Tropfen dessen, was der Sommer im Unkraut zusammenbraute und was der Frühherbst garkochte, vermögen den Menschen eines Hexensabbats teilhaftig werden zu lassen, den wir nur begreifen können, wenn wir es ernstnehmen, daß auch hier ein Geist zum andern Geiste spricht.

selbstportrait

Selbstbildnis Foto und Bildmontage 2013

Das Laub der Bäume sinkt Blatt um Blatt zu Boden, aber es kann auch sein, daß über Nacht der Bruder des Lenz-Aequinoktialsturms ins Land springt, der Schaumaufwühler des Nordmeers, der die Bäume in wenigen Stunden entlaubt. Oft stellt er sich erst im Oktober ein, jedoch wann immer er auch kommen mag, über kurz oder lang stehen
statt der grünen Wipfel starre schwarze Gerippe im Raum, deren Leben nunmehr tief im Holze gärt und pocht. Zu Füßen der Waldbäume aber welken die Krauter dahin, im September beginnt es, im November ist das Werk vollendet. Welches Werk? Das späte Jahr bereitet dem Walde seinen Tee. Begleitpflanzen des Waldes wie der Fingerhut,
das Maiglöckchen und das Adonisröschen sind so reich an Stoffen, die den Kreislauf des Menschen und den Antrieb für den Säftestrom im Baum beschwingen — herzwirksame Glykoside werden sie vom Arzt und Apotheker genannt —, dass sie seit Jahrhunderten arzneiliche Verwendung finden; andere Kräuter bergen die gleichen Stoffe in geringerer Menge. Indem sie nun welken, lagern sie als trockener Tee auf dem Boden. Dem Herbststurm der Tag- und Nachtgleiche folgt der graue Zug der Regenwochen. Niederrinnendes Wasser laugt den Tee aus und führt dem Boden die Spuren herzwirksamer Glykoside zu, die der Wald benötigt, will er im Lenz aufs neue ergrünen.

Die Schneeschmelze im Februar und März schließt den Prozess dieser Auslaugung ab. Soll in waldlosen Ländern  Gott gebe, daß Deutschland niemals dazu werde!) neuer Wald emporgeforstet werden, so missglückt das, wenn ein gleichzeitiges Ansiedeln der mit herzwirksamen Glykosiden ausgestatteten Begleitpflanzen unterbleibt; dem Walde fehlt alsdann der Tee, der in winzigen Mengen jene Stoffe an den Boden abgibt, die das Wachstum der Bäume benötigt um des Säftesteigens willen. Wilhelm Raabe hat einmal gesagt, es würde wohl manches Stück Erde recht kahl und armselig aussehen, wenn kein Unkraut darauf wüchse. Er konnte nicht ahnen, in einem wie wörtlichen Sinne die junge Wissenschaft der dynamischen Botanik diesem Ausspruch recht gibt. Der Herbst, der Säftekoch und Teebereiter, leitet nicht das Sterben, sondern das Leben ein —: auch dort, wo wir nur ein Welken wahrnehmen. Es gibt rings im All nur Leben, nichts als Leben, der Tod ist nur eine Maske, hinter der das Lebendige seine intimsten Wandlungen vollbringt.

Quellen:
Gustav Schenk: “Schatten der Nacht; die Macht des Giftes in der Welt”, Hannover 1948.
Der herbstliche Tee des Waldes: Karl Fahrenkamp: “Vom Aufbau und Abbau des Lebendigen”; Stuttgart Leibzig, Band 1 1937, Band 2 1938, Band 3 1943.
Friedrich Boas: “Dynamische Botanik”, München-Berlin 1937.
Fritz Caspari: “Fruchtbarer Garten”, Seebruck am Chiemsee 1948

Veröffentlicht von Art of Arkis

Maler und Zeichner des phantastischen Realismus - Künstler und Magier-Philosoph Artist and magician-philosopher* Die Idee ist die Emotion des Geistes, während Emotion der Reflex der Seele ist.

7 Kommentare zu „Nachtschatten

  1. Alles im All ist Leben, ist lebendig, nichts als Leben, der Tod ist eine Maske, hinter der das Lebendige seine intimsten Wandlungen vollbringt.

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