2 Comments

  1. Nix sollen, oder gar müssen! Kurz und würzig: gegen den Strich!
    Wenn ich mich nach Meinungen, religös – ideologischen Dogmen anderer richte, dann habe ich meine Freiheit verspielt. Lasse mich nicht daran hindern, aus der Ur-Quelle zu schöpfen. Nur so kann sich Energie schöpferisch entfalten.

  2. „Du warst auf dem Berg?“ fing er an und deutete auf die Blumen in meiner Tasche, die ich unterwegs gepflückt hatte.

    Ich stammelte eine Entschuldigung, aber er winkte freundlich ab: „Ich weiß, es ist schön da oben; ich gehe auch oft dorthin. Du warst schon viele Male dort, aber du hast es immer wieder vergessen; junges Hirn kann nichts behalten, das Blut ist noch zu heiß. Es wäscht die Erinnerung fort. – Hat dich das Wandern müde gemacht?“

    „Das auf dem Berg nicht, aber das Wandern auf der – auf der weißen Landstraße“, sagte ich, unsicher, ob er auch davon wisse.

    „Ja, ja, die weiße Landstraße!“ murmelte er sinnend, „die kann selten einer vertragen. Nur einer, der zum Wandern geboren ist. Weil ich das an dir bemerkte – damals im Findelhaus – hab‘ ich dich zu mir genommen. Die meisten Menschen fürchten sich vor der Landstraße mehr als vor dem Grab. Sie legen sich lieber wieder in den Sarg, denn sie meinen, das wäre der Tod und sie hätten dort Ruhe; in Wirklichkeit ist jener Sarg das Fleisch, das Leben. Daß einer auf Erden geboren wird, ist nichts anderes, als daß er lebendig begraben wird! Besser als das ist, man lernt auf der weißen Landstraße wandern. Nur darf man nicht an das Ende der Landstraße denken, sonst hält man es nicht aus, denn sie hat kein Ende. Sie ist unendlich. Die Sonne auf dem Berg ist ewig. Ewigkeit und Unendlichkeit ist zweierlei. Bloß für den, der in der Unendlichkeit die Ewigkeit sucht und nicht das ‚Ende‘, bloß für den ist Unendlichkeit und Ewigkeit dasselbe. Das Wandern auf der weißen Landstraße muß des Wanderns halber geschehen, aus Freude am Wandern, und nicht, um eine vergängliche Rast mit einer andern zu vertauschen.

    Ruhe – nicht ‚Rast‘ – ist nur in der Sonne auf dem Berge. Sie steht still und alles dreht sich um sie. Schon ihr Vorbote, das Morgenrot, strahlt Ewigkeit aus, darum beten es die Käfer und Fliegen an und bleiben starr in der Luft, bis die Sonne kommt. Deshalb bist du ja auch nicht müde geworden, als du auf den Berg stiegst.“

    „Hast du“, fragte er plötzlich und blickte mich scharf an, „hast du die Sonne gesehen?“

    „Nein, Vater, ich bin umgekehrt, bevor sie aufging.“

    Er nickte befriedigt. „Das ist gut. Sonst hätten wir nichts mehr miteinander zu schaffen gehabt“, setzte er leise hinzu.

    „Und dein Schatten ging dir voraus, dem Tale zu?“

    „Ja. Selbstverständlich –“

    Er überhörte meine erstaunte Antwort.

    „Wer die Sonne erblickt“, fuhr er fort, „der will nur noch die Ewigkeit. Er ist für das Wandern verloren. Das sind die Heiligen der Kirche. Wenn ein Heiliger hinübergeht, ist diese Welt und auch die andere für ihn verloren. Aber auch, was schlimmer ist: die Welt hat ihn verloren; sie ist verwaist! – Du weißt, wie’s tut, ein Findelkind zu sein, – bereite nicht auch andern das Schicksal, weder Vater noch Mutter zu haben! – Wandere! Zünde Laternen an, bis die Sonne von selber kommt.“

    „Ja!“ stammelte ich und dachte voll Grauen an die furchtbare weiße Landstraße.

    „Weißt du, was es bedeutet, daß du dich wieder in den Sarg gelegt hast?“

    „Nein, Vater.“

    „Es bedeutet, daß du eine Weile noch das Schicksal derer teilen sollst, die lebendig begraben sind.“

    „Meinst du den Drechslermeister Mutschelknaus?“ forschte ich kindlich.

    „Ich kenne keinen Drechslermeister dieses Namens; er ist noch nicht sichtbar geworden.“

    „Auch nicht seine Frau und – Ophelia?“ fragte ich und fühlte, daß ich rot wurde.

    „Nein. Auch Ophelia nicht.“

    „Seltsam!“ dachte ich, „sie wohnen doch drüben, und er muß ihnen ja täglich begegnen.“

    Wir schwiegen beide eine Weile, dann schrie ich plötzlich jammernd auf:

    „Aber das ist entsetzlich! Lebendig begraben sein!“

    „Nichts ist entsetzlich, Kind, was man tut um seiner Seele willen. Auch ich bin zuweilen noch lebendig begraben. Oft bin ich auf Erden mit Menschen zusammengetroffen, die, in Elend, Jammer und Not geraten, sich bitter über die Ungerechtigkeit des Schicksals beklagten. Viele von ihnen hatten Trost gesucht in jener aus Asien herübergewehten Lehre – der Lehre vom Karma oder der Wiedervergeltung –, die da behauptet: keinem Wesen könne ein Leid geschehen, zu dem es nicht in einem früheren Dasein den Keim gelegt; – andere suchten Trost in dem Dogma von der Unerforschlichkeit der Ratschlüsse Gottes; – Trost gefunden hat weder der eine noch der andere.

    Solchen Menschen habe ich eine Laterne angezündet, indem ich ihnen einen Gedanken“ – er lächelte beinahe grimmig, aber dabei doch freundlich wie immer – „eingab – so fein eingab, daß sie glaubten, er sei ihnen von selber eingefallen! Ich stellte ihnen nämlich die Frage: ‚Würdest du das Kreuz auf dich nehmen, heute nacht zu träumen, so deutlich als sei es Wirklichkeit, daß du tausend Jahre Dasein beispielloser Armut durchlebst, wenn ich dir jetzt die Gewißheit gäbe, du fändest als Belohnung dafür am nächsten Morgen beim Erwachen einen Sack voll Gold vor deiner Tür!‘

    ‚Ja! Natürlich!‘ – so lautete jedesmal die Antwort.

    Dann beklag dich nicht über das Schicksal! – Weißt du denn, ob du diesen – wenn’s hoch kommt nur siebzigjährigen – qualvollen Traum, Erdenleben genannt, nicht selbst gewählt hast in der Hoffnung, etwas weit Herrlicheres als einen Sack schäbigen Geldes beim Erwachen zu finden? Freilich, wer einen ‚Gott mit unerforschlichen Ratschlüssen‘ als Ursache setzt, der wird ihn eines Tages als hämischen Teufel ernten.

    Nimm das Leben weniger wichtig und die Träume ernster, da wird es bald besser um dich stehen, – dann kann der Traum zum Führer werden, statt, wie jetzt, in die Fetzen der Tageserinnerungen gehüllt ein harlekinbunter Narr zu bleiben.

    Höre, mein Kind! Es gibt keinen leeren Raum. – In diesem Satz liegt das Geheimnis verborgen, das jeder enthüllen muß, der aus einem verweslichen Tier ein unsterbliches Bewußtsein werden will. Nur darf man den Sinn der Worte nicht bloß auf die äußere Natur anwenden, sonst bleibt man haften an der groben Erde; man muß ihn gebrauchen wie einen Schlüssel, der das Geistige erschließt; man muß ihn umdeuten! – Sieh da: es will einer wandern, die Erde aber hält seine Füße fest; was wird geschehen, wenn sein Wille, zu wandern, nicht erlahmt? Sein schöpferischer Geist – die Urkraft, die ihm eingehaucht worden ist bei Anbeginn – wird andere Wege finden, auf denen er wandern kann, und das in ihm, das zum Gehen keiner Füße bedarf, wird wandern trotz Erde, trotz Hindernis. –

    Der schöpferische Wille, das göttliche Erbteil im Menschen, ist eine saugende Kraft; dieses Saugen müßte – versteh das im übertragenen Sinne! – einen leeren Raum erzeugen im Raume der Ursachen, wenn nicht der Äußerung des Willens schließlich die Erfüllung folgen würde. – Sieh da: es ist einer krank und will gesund werden; solange er zu Arzneien seine Zuflucht nimmt, solange lähmt er jene Kraft des Geistes, die schneller und besser heilt als alle Medizin. Es ist, wie wenn einer mit der linken Hand schreiben lernen will: wenn er sich immer nur der rechten bedient, wird er es mit der linken niemals lernen. Jegliches Geschehen, das in unser Leben tritt, hat seinen Zweck; Sinnloses gibt es nicht; eine Krankheit, die den Menschen befällt, gibt ihm die Aufgabe: vertreibe mich mit der Kraft des Geistes, damit die Kraft des Geistes erstarke und wieder Herr werde über die Stofflichkeit, wie sie es einst gewesen vor dem ‚Sündenfall‘. Wer das nicht will und sich mit ‚Arzneien‘ begnügt, der hat den Sinn des Lebens nicht erfaßt; er bleibt ein kleiner Junge, der die Schule schwänzt. – Wer aber nicht erlahmt im Befehlegeben mit dem Marschallstab des Geistes, die grobe Waffe mißachtend, die nur der Söldner führt, der wird immer wieder auferstehen; mag ihn der Tod auch noch so oft niederstrecken, zuletzt wird er dennoch König sein! – Darum soll der Mensch nie erlahmen auf dem Wege zu dem Ziel, das er sich gesetzt hat; wie der Schlaf nur eine kurze Rast bedeutet, so auch der Tod. – Man fängt eine Arbeit nicht an, um sie aufzugeben, sondern um sie zu vollenden; – ein begonnenes Werk, und sei es scheinbar noch so belanglos, halb getan und liegen gelassen, verwest und vergiftet den Willen, so wie eine unbegrabene Leiche die Luft eines ganzen Hauses verpestet.

    Wir leben nur um der Vollendung unserer Seele willen; wer dieses Ziel unverrückbar im Auge behält und es beständig denkt und fühlt, so oft er etwas beginnt oder beschließt, dem wird gar bald eine seltsame, bis dahin ungeahnte Gelassenheit zuteil, und auf eine unbegreifliche Weise wird sich sein Schicksal verändern. – Für den, der schafft, als sei er unsterblich – nicht, um das Ding zu erlangen, nach dem sein Wunsch steht (das ist nur ein Ziel für geistig Blinde), sondern um des Tempelbaus seiner Seele willen, der wird den Tag schauen, und sei es erst nach Tausenden von Jahren, – wo er sagen kann: ich will und es steht da, was ich befehle, geschieht und bedarf der Zeit nicht mehr, um langsam zu reifen.

    Dann erst ist der Punkt gekommen, wo der lange Weg aller Wanderungen endet. Dann kannst du der Sonne ins Antlitz sehen, ohne daß dein Auge verbrennt.

    Dann kannst du sagen: ich habe ein Ziel gefunden, weil ich keines gesucht.

    Dann werden die Heiligen an Erkenntnis arm sein gegen dich, den sie werden nicht wissen, was du weißt: das Ewigkeit und Ruhe dasselbe sein kann wie Wandern und Unendlichkeit!“

    Aus der weiße Dominikaner von Gustav Meyrink

Kommentare sind geschlossen.