Ein Gedanke zu „Vom Liebhaber erschossen“

  1. „In questa tomba oscura …“
    Gebeugten Hauptes eilte sie die Straße hinauf und die Straße hinab.
    Es war dunkel, und zwischen den hohen, düsteren Häusern pfiff der Wind. Wie ein
    Schiff unter vollen Segeln trieb er sie voran. Sie wusste, es hatte keinen Zweck,
    dagegen anzukämpfen, sie wusste, sie musste voran, voran, bis sie ihr Ziel erreichte.
    Was suchte sie? Wohin wollte sie in dieser schrecklichen Nacht? Sie wusste es nicht.
    Sie schloss die Augen und ließ sich treiben.
    Sie kannte den Weg nicht. Sie kannte diese verschwiegenen Zeugen von Kummer und
    Freuden des Menschen nicht. Sie sah mit Furcht in diese einsamen Lichter, die
    fieberhaft in die Nacht hinaus leuchteten und von Krankheit erzählten – von Liebe.
    Diese Lichter hinter den dunklen Mauern zwischen dem wispernden Grün der Gärten
    erinnern sie an etwas in ihrem Leben, an das Fieber, das sie diese Nacht
    hinausgetrieben hatte.
    Was wollte sie? Was wartete auf sie?
    Sie wusste nur, dass sie in dieser Nacht das Rätsel ihres Lebens lösen sollte, dass sie in
    dieser Nacht ihrem Lebensglück gegenüberstehen würde, oder – ging es um ein
    Verbrechen, das sie begangen hatte?
    Sie erschauerte. Sie hatte das vor so vielen Jahren vergessen. Sie hatte vergessen und
    versteckt geglaubt, doch nun, in dieser schwarzen Nacht, während der Sturm sie
    pfeifend dem unbekannten Ziel entgegentrieb, nun fühlte sie mit jeder Sekunde in
    Bohémienne, erotische Ikone, Mordopfer Die Lange Nacht über Dagny Juel Seite 10
    Angst stärker und schmerzvoller, dass dieses Eine in ihrer Seele gelebt hatte, sein
    unterirdisches Leben gelebt hatte, sich zu einem flammenden, blutroten Fragezeichen
    ausgewachsen hatte, das nach Antwort schrie, nach Erlösung.
    Und in der Nacht sollte sie vor dem einen Auge des Schicksals stehen und die Antwort
    bekommen, die Antwort.
    Auf einmal blieb sie stehen. Ängstlich lauschte sie. Um sie herum war es so ruhig und
    so dunkel geworden, so bodenlos dunkel wie in ihrer eigenen Seele. Wo war sie? Sie
    befand sich nicht mehr auf der Straße. Sie bebte vor Erwartung, sie fühlte, sie war an
    ihr Ziel gelangt, dass der Abgrund sich vor ihr öffnete. Und sie zitterte vor Begehren,
    in diesen Abgrund zu sehen, der sie verschlingen würde, wie sie wusste.
    Ein schwaches Leuchten, und sie sah, dass sie sich in einer riesigen Halle befand. Die
    Decke war hoch wie der Himmelsbogen, und vor der Tür, woher das Licht kam, ruhte
    eine schlafende Sphinx aus Stein.
    Langsam ging sie auf die offene Tür zu, hinter der, wie sie wusste, ihr Schicksal
    lauerte, um sie in seine Arme zu ziehen und ihr das Blut auszusaugen, Tropfen für
    Tropfen.
    Sie stand vor einem Korridor, der von so hellem Licht erfüllt war, dass sie im ersten
    Augenblick blendete und verwirrte. Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie, dass
    beide Wände des Korridors mit hohen dunklen Bildern von Menschen bedeckt waren,
    Männer und Frauen, und alle richteten ihre drohenden, spöttischen und traurigen
    Augen auf sie, und sie las in ihren grabesfahlen Gesichtern ein Willkommen. Sie sah
    sie gemessen nicken mit ihren bleichen Köpfen, und las in diesen vielen
    unergründlichen Augen: Komm, komm näher! Noch bist du nicht da. Wir überbringen
    dir nur einen Gruß vom Ziel, das dir zuwinkt.
    Sie schauderte zurück vor dieser Reihe lebender Toter. Der Gang war so schmal, dass
    sie ihr hätten ins Gesicht schlagen können mit ihren leichenkalten Händen, hätten sie
    sie ausgestreckt. Nun hätte sie ihr Leben darum gegeben, zurückzukehren in Nacht und
    Sturm, doch das, was sie voranzwang, war stärker als die Todesangst.
    Weiter musste sie durch das dunkle Feuer dieser leeren Augen, weiter musste sie zu
    neuen Schrecken.
    Auf einmal stand sie am Ende des Ganges. Sie stand vor einem tiefen grabesfinsteren
    Gewölbe. Nur von der Decke strömte matt ein grünspanfarbenes Licht, das fahl um
    einen Katafalk auf hohen schwarzen Säulen wogte.
    Und nun sah sie dort, dass dort auf der Bahre, reglos und wartend eine Leiche lag, ein
    Mann.
    Und nun stand sie an der Bahre und betrachtete sein Gesicht, das Gesicht, dessen
    Mund ihr die Antwort geben sollte, der einzige, einzige, der sie kannte.
    Und der war tot und stumm für ewig, und die Augen, für die sie alle Schrecken des
    Grabes getrotzt hätte, um einmal in ihnen lesen zu können, ein einziges Mal, waren
    geschlossen, geschlossen für ewig.

    Und während sie dort lag, zu Boden geworfen, hörte sie hinter sich Schritte, Schritte,
    die sie kannte, Schritte, die sie geliebt hatte. Und als sie jetzt aufsprang und sich
    umdrehte, stand er vor ihr, er, der auf der Bahre gelegen hatte, er, der die Antwort
    besaß. Und er sah sie mit großen, lebendigen, glühenden Augen an.
    Und sie legte ihre Hände in seine und sah ihm gierig in die Augen. Und zitternd
    flüsterte sie: Die Antwort, die Antwort, gib mir jetzt die Antwort!
    Da spürte sie seine Hände neu erkalten, in Todesblässe versteifte sich sein Gesicht,
    und seine Augen schlossen sich unter ihrem verzweifelten Blick.
    Lediglich seine Hände drückten ihre Hände fest und unerbittlich, und sie fühlte, wie
    sie unter seinem Griff verwelkte, unter seinem toten Blick, wie sie verwelkte wie ein
    Baum im Herbst, während der Sturm wieder seine wilden Todespsalmen sang um sie
    herum und die Schwärze der Nacht sie umhüllte.

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